Mittwoch, 20. März 2019

Betrachtung des Weltgerichtsportals zu Sankt Sebald



Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen; und auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen, und das Meer und die Wassermengen werden brausen, und Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte werden sich bewegen“
- Lukas 21,25-26


Bei Sankt Sebald im Winter. Im Nürnberger Winter, dem wolkendurchzog'nen, stehe ich, ein fremder Mann, bei grauem Wetter und wenig Licht nur: von Westen her, betrachte das Portal des Weltgerichts. Ich sehe Christus und seine Engel und sehe die Trompeten des Gerichts. Und vor mir und neben mir laufen Menschen vorbei, eilig, eingemummelt, und mümmeln an ihren Imbissen und Snacks und trinken zu schnell zu heißen Kaffee. Schauen nicht und sehen nicht und warten nicht. Vor mir das steinerne Portal mit der Szene des Weltgerichts, siebenhundert Jahre alt. Eine steinerne Mahnung - höre ich sie? Eine steinerne Erwartung - warte ich auch? Auch eine Hoffnung - und hoffe ich?
Und ich sehe den Christus, auf den Wolken herkommen, und all seine Engel, und höre den Klang der Gerichtstrompete, und sehe: links laufen sie hin, die Guten, die Frommen, die Heiligen, zur Seligkeit und zu ihrem Lohn. Und sehe: rechts die Verdammten, die Bösen, die Mörder und Sünder, rennend ins Verderben, und ich höre das Lachen der Teufel und Bestien und Dämonen; und höre den Klang der letzten Stunde, und spüre den Atem des großen Ungeheuers...

Von links und rechts, neben der Kirche, und steinwurfweit vom Kirchentor weg, schreien mir Zeitungen ins Ohr, ihren Schlagzeilenlärm und ihre Forderungen, ihr gutes Wissen und noch bess'res Gewissen, ihre Drohungen und ihr Werben, ihre Meinungen. Und daneben laufen die Menschen, wie immer, winterkalt, und große Leere breitet sich aus über der Winterstadt, in ihrem kalten Licht und ihren sterbenden und toten Geräuschen. Da merke ich das Endzeitbrausen, und die Wolke, die plötzlich dahinzieht, atmet Fahrtwind. Dort, über mir! Und das künstliche Lichtermeer auf dem Rathausplatz und dem Hauptmarkt und am Schönen Brunnen, wo die Leute schnell noch am Ring drehen, sich etwas wünschen, weil's guttut. Jeder hier wünscht; aber sehnen? Jeder hier wünscht; Aber Hoffnung? Aber Sehnsucht und Willen und Feuer? Und aufreißender Himmel und Blutmond und Engel und alles und eines in Ewigkeit? „Und wie ist's in dir, du fremder, steinerner Mann vor dem Weltgerichtsportal?“ fragen die Steinengel mich selbst und ich höre von fern den Klang der Trompete.

Das Portal sah Stadträte, Touristen, Prediger, Kinder, Schüler, Hüte auf den Köpfen, Uniformen am Leib, darüber Wolken, wie Schafe, und nur dieser eine gleichgültige Himmel, der alles abnickt. Es sah über die Stadt gehende Flammen, sah Ruinen, sah Eifer und Fleiß, hörte die Stimme von Heiligen und Hetzern, den Lärm der Zeitschriftenschreiber, in Schlagzeilen gepresst, sah auch wieder die Menschen, die raschen Schritts vorbeieilten, einen schnellen Schnappschuss weit, zum Weinmarkt hoch, die Treppe runter, vor der heute ein Schild steht: „Erhebet die Herzen!“

Die Treppe runter, Erhebet die Herzen, ihr Frauen und Männer!, nach links oder rechts, wo geht es lang? Und ständig lärmen die Schlagzeilen, die Mode wechselt, in siebenhundert Jahren und darüber hinaus, und hin zur Burg und auf zum Markt, und immer mehr Drängen, und künstliches Licht leuchtet blass, und ständig wechseln die Lichtgestalten. Und darüber nur dieser eine gleichgültige Himmel, der alles abnickt. Und man hört ein Raunen und Schreien in der Volksmasse, zum Ende hin, und mehr und mehr und immer mehr, bis alles zur Attraktion verkommt, schale Sensationen, nur einen Schnappschuss weit im Telefon, im Fadenkreuz der rasenden Winterwelt, und mehr und mehr und immer mehr; und wir hören den Klang der Trompete.

Und da erhebt er sich jetzt: der Wind! Bringt Feuer und Glut jetzt, zerdrückt die Bleiglasfenster der Kirche zum Scherbenspiel, wie Schusser taumeln die Quader, zerdrückt auch das Rathaus; und wischt seine Steine beiseite wie Sand. Die gotischen Kathedralen zerfallen, die Häuser glühen rot auf, Turm und Türe zerstürzt, wie Plastikmüll auf die fasrigen und totgelaufenen und längst müden Straßen der Winterstadt hinunter. Der Wind tobt weiter, vorbei das Laufen der Menschen durch Gassen und über Wege und Alleen hinweg. Tot und zerfallen ist die Welt, vorbei auch endlich mein Grübeln...

Und wer weiß, vielleicht schauen wir danach eine neue Welt? Fort der Betrachter und Grübler. Fort Kirche und fort das Portal. Nur noch der Wind, der im stillen Licht durch die Apfelblüte rauscht; für immer treu.


Illustration: Gordon B.
Text: Cătălin Păduraru

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